Tendenzen Chemie Tarifrunde 2019

Tarif zeitgemäß

Es wird Zeit: Unter diesem Motto steht das Forderungspaket der IG BCE zur Chemie-Tarifrunde 2019. Die Gewerkschaft will für die rund 580 000 Beschäftigten mehr Freiheit, Sicherheit und Entgelt durchsetzen.

Markus J. Feger

Die Bundestarifkommission entscheidet einstimmig über den Forderungsbeschluss.
11.10.2019
  • Von: Axel Stefan Sonntag

Das Votum in Gelsenkirchen war absolut klar: Einstimmig beschloss die Bundestarifkommission Chemie das vier Teile umfassende Forderungspaket, das der geschäftsführende Hauptvorstand für die bevorstehende Chemie-Tarifrunde im Juni empfahl. Dabei sieht sich die IG BCE abermals als innovativer Treiber einer ganzen Branche. “Belastung am Arbeitsplatz, Pflegerisiko im Alter, Unsicherheit in Fragen der Digitalisierung: Das alles wächst Jahr für Jahr unabhängig von konjunkturellen Schwankungen, und es brennt den Beschäftigten auf den Nägeln“, sagt Ralf Sikorski, Verhandlungsführer und stellvertretender IGBCE- Vorsitzender. 

Seit Juni diskutierten Arbeitnehmervertreter und Belegschaften reihenweise ihre Erwartungen. Erstmals verlangt die Gewerkschaft für jeden der rund 580 000 Beschäftigten ein tariflich abgesichertes, persönliches Zukunftskonto in Höhe von jährlich 1000 Euro. Der Betrag soll von Runde zu Runde mit den Tariferhöhungen ansteigen. Jeder Einzelne soll selbst entscheiden können, ob er diesen Betrag beispielsweise in Freizeit, Geld oder etwa in die Altersvorsorge investieren beziehungsweise ansparen will. „Damit kommen wir dem wachsenden Bedürfnis der Beschäftigten nach mehr Zeitsouveränität nach“, kommentiert Sikorski. “Davon profitieren auch die Arbeitgeber “, stellt Sinischa Horvat, Betriebsratsvorsitzender der BASF SE, klar. „Wenn wir den Beschäftigten tarifliche Instrumente anbieten können, mit denen sie einen Teilihrer Arbeitszeit selbstbestimmt gestalten können, dann macht das unsere Branche noch viel attraktiver. Gerade und vor allem dann, wenn alle Welt vom Fachkräftemangel spricht“, so Horvat und fasst zusammen: “So geht für mich Arbeiten 4.0.“ 

Das Zukunftskonto trifft den Nerv vieler Menschen. Dies bewies nicht nur das repräsentative Feedback mehr als 14 000 Beschäftigter, die im Rahmen des Monitors Digitalisierung der Stiftung Arbeit und Umwelt darlegten, wie sich der digitale Wandel auf deren Arbeitsalltag auswirkt (Kompakt berichtete). Auch unter chemie2019.igbce.de und im Messenger- Dienst zeigten viele Hundert Mitglieder ganz persönlich, warum es ihnen auf das Zukunftskonto als neues, kreatives Instrument der Tarifpolitik ankommt. Neben einer größeren Entscheidungsfreiheit des Einzelnen, fordert die IG BCE eine spürbare Erhöhung der Entgelte und Ausbildungsvergütungen. Melanie Hackl liegt das Thema Bildung sehr am Herzen. Die 23-Jährige, die derzeit bei Bayer in Berlin neben ihrem Job ein Masterstudium „Digital Health“ absolviert, appelliert an die ganze Chemieindustrie, gegenüber Google, Amazon & Co. den Anschluss nicht zu verpassen. Es brauche – auch beim Konzernriesen Bayer – ein ganzheitliches Weiterbildungskonzept. “Schon in meiner Zeit als Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung vermissten einige junge Menschen abteilungsübergreifende Weiterbildungs- Perspektiven“, berichtet Hackl. Wer nach seiner Ausbildung sein Aufbaustudium oder seinen Meister bei Bayer plante, dem habe sie keinen konkreten Ansprechpartner vermitteln können. “Das hat sich bis heute leider nicht verändert “, kritisiert Hackl. Sie begrüßt die Forderung der IG BCE nach einer Qualifizierungsoffensive zur Begleitung des digitalen Wandels ausdrücklich. 

Wie sehr die Forderungen der IG BCE am Puls der Zeit liegen, verdeutlicht der Wille nach einer bundesweit ersten tariflichen Pflegezusatzversicherung. Die IG BCE vereinbarte eine vergleichbare Regelung bei Henkel bereits im vergangenen Jahr. Dort ist die Resonanz massiv: „Stand Ende August 2019 schlossen bereits knapp 8500 Mitarbeiter die Basisversicherung ab. Das entspricht einer Quote von mehr als 90 Prozent. Darauf sind wir sehr stolz“, berichtet Betriebsratsvorsitzende Birgit Helten-Kindlein. Das zeige, wie wichtig es war, die Pflegeversicherung einzuführen, „zumal bis heute bereits schon fünf Leistungsfälle eingetreten sind“. So schwer wie diese Schicksale auch sind, fest steht: die betreffenden Personen werden bei stationärer Pflege mit monatlich 1000 Euro Zuschuss (Pflegegrade 2 bis 5) kräftig finanziell entlastet.

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